Cornelia Lösch

Kontakt© Cornelia LöschLetztes Update: November 2020

Der Hypochonder

Cornelia Lösch

Als junger Mann von zwanzig Jahren
ist er sich lange schon im Klaren,
dass kleine, freche, sehr gemeine
Bazillen, Viren, Krankheitskeime
bevölkern seinen jungen Leib
allein zum Fortpflanz-Zeitvertreib!
Um dies jedoch zu unterwandern,
zieht er von einem Arzt zum andern,
um so mit Salben, Sprays und Pillen
die große Angriffsangst zu stillen.
Doch täglich in der Straßenbahn
entwickelt sich die Angst zum Wahn!
Ein Fahrgast niest ins Taschentuch.
Ein zweiter gar ins Taschenbuch.
Ein dritter hustet ganz erbärmlich.
Ein vierter pustet mehr enddärmlich.
Ein fünfter sitzt ihm gegenüber
und schaut ganz krankenbleich herüber.
Der junge Mann, jetzt voller Pein,
nimmt täglich fünfzehn Pillen ein,
zieht an die dickste Winterjacke
als Schutzschild gegen die Attacke,
misst morgens, mittags, abends Fieber
und führt akribisch Buch darüber.
Was zwickt denn da am großen Zeh?
Warum tut ihm die Blase weh?
Was ist das für ein blauer Fleck?
Warum geht der so gar nicht weg?
Was hilft bei Kratzen, tief im Schlund?
Warum ist dieser denn so wund?
Der junge Mann in seiner Not
erwartet bald den nahen Tod
und glaubt ganz fest und vehement,
jetzt hilft ihm nur ein Testament.
Und wartet auf die Totenbahre
von nun an fünfundsiebzig Jahre!